Märkische
Märkische Allgemeine 19.07.2008
FÜRSTENWALDE - Hans-Dieter Dorow ist ein Muskelprotz wie er im Buche steht. Der Mann hat Kraft, das erkennt selbst der Laie angesichts breiter Schultern, muskelbepackter Arme und Beine auf den ersten Blick. Dass er ein starker Mann ist, stellt der 50-jährige Fürstenwalder seit etwa einem Jahr auf eindrucksvolle Weise unter Beweis: Er stemmt Baumstämme senkrecht in die Höhe, stößt 120 Kilogramm schwere Steinkugeln 20 Meter weit oder schleudert Gewichte an Ketten durch die Luft.
Keltische Disziplinen erfreuen sich auch in Brandenburg immer größerer Beliebtheit
"Da kommt es nicht nur auf Muckis, sondern auch auf Geschicklichkeit an“, betont der Kraftsportler. Allerdings hat er, genauso wie seine drei Mitstreiter, bei den schweißtreibenden Übungen ein recht merkwürdiges Erscheinungsbild. Dorow agiert in rotkariertem Rock und wollenen Strümpfen mit Steinkugeln und Baumstämmen. „Das ist keine Frauenkleidung, sondern ein schottischer Kilt“, stellt Dorow klar. Denn die von ihm praktizierten „Highland Games“ sind traditionelle Wettkämpfe aus der Zeit der keltischen Könige in Schottland.
Die verschiedenen Clans trafen sich damals, um friedlich-sportlich die schnellsten und stärksten Männer Schottlands zu finden. Die besten wurden dann Leibwächter oder Boten am Königshof. Zwischen Mai und September gibt es noch heute alljährlich rund 100 dieser Wettkämpfe in Schottland. Komisch komme er sich deshalb im traditionellen Kilt nicht vor, versichert Dorow. „Das ist doch urig, geht auf keltisch-germanische Traditionen zurück.“ Früher habe es ja noch keine Hosen gegeben, ergänzt sein Sohn Daniel.
Seit 19 Jahren betreibt Dorow Kraftsport, ist fast täglich im Fitnessstudio. Doch jetzt wurde es ihm zu langweilig, nur Hanteln und Gewichte zu stemmen. Im Internet war er auf die Anhänger des schottischen Traditionssports gestoßen, vor einem Jahr hat er bei einen Treffen im sächsischen Radeberg dann sozusagen Blut geleckt. „Ich wurde im Einzelwettkampf auf Anhieb Dritter“, erinnert sich der kraftstrotzende Fürstenwalder mit dem so gar nicht zu ihm passenden Spitznamen „Mieze“. An die Spree zurückgekehrt, suchte sich der Bauunternehmer weitere Mitstreiter, im Februar dieses Jahres gründeten sie dann den ersten Brandenburger Verein für Scottish Highland Sport „Stone Walker“ (Steinwanderer).
In Ostdeutschland gibt es insgesamt fünf eingetragene Vereine, die sich dem Kräftemessen nach schottischer Art verschrieben haben. Im Westen sind die Rasen-Kraftsport-Wettkämpfe laut Dorow noch viel verbreiteter. Seit diesem Jahr existiert seinen Angaben nach ein deutscher Dachverband mit eigenem Reglement. „Wir Stone Walker sind jetzt elf Mitglieder, davon vier aktive“, erzählt Schatzmeister Sven Bertermann, der hauptberuflich in einer Spedition arbeitet. Einer der Athleten sei ein Polizist aus der polnischen Grenzstadt Slubice. Das Faszinierende an dieser Art Kraftsport sei für ihn die Geschichte, bekennt Bertermann. „Als die Schotten vor Jahrhunderten Bäume fällten, erfanden sie das Baumstamm-Werfen und erleichterten sich damit die Arbeit“, erzählt der 39-Jährige begeistert. Weitere kräftige Mitstreiter für die „Stone Walker“ werden gesucht, auch Frauen. „Eine gewisse Grund-Fitness ist schon notwendig“, stellt Dorow klar, „Wir werfen hier ja schließlich nicht mit Wattebällchen.“
Bisher üben sich die Fürstenwalder auf ihrem Trainingsgelände am benachbarten Flugplatz lediglich in einigen der etwa 30 verschiedenen, typisch schottischen Disziplinen, die von einer Generation zur nächsten vererbt werden. Beim Distanzwerfen etwa wird ein 12,5 oder 25 Kilogramm schweres Kettengewicht nach zwei Drehungen ähnlich dem Diskuswerfen soweit wie möglich geschleudert. Beim „Stonelifting“ muss der Athlet eine 100 Kilogramm schwere Steinkugel auf ein 1,30 Meter hohes Podest legen.
Wenn die Fürstenwalder „Stone Walker“ sich außerhalb ihres Vereinsgeländes präsentieren, müssen sie mit Lkw und Hebe-Kran anreisen, um ihr Arbeitsgerät zu transportieren. Das nächste Mal reisen sie auf diese Weise am 31. August zu den 7. Deutschen Scottish Highland Games ins sächsische Radeberg.
„Miezes“ größter Traum ist es allerdings, selbst einmal als Wettkämpfer bei Highland-Spielen in Schottland dabei zu sein.
Quelle: Märkische Allgemeine von Jeanette Bederke am 19.07.2008